Vor einigen Tagen erhielt ich die Nachricht, dass Radoslav Katičić gestorben ist.
Es fühlt sich für mich so an, dass mit ihm eine Epoche zu Ende gegangen ist.
Die Nachricht macht mich richtig traurig und sehr nachdenklich. Viele
Erinnerungen rühren sich.
Immer wieder begegnete ich Radoslav Katičić auf Konferenzen, Treffen und
Hochschulwochen an verschiedenen Orten. Wenn er nicht da war, dann fehlte
eine wichtige Instanz.
Jedes Mal beeindruckten mich seine Offenheit gegenüber allen Themen und
seine unglaubliche Gelehrtheit. Radoslav Katičić wusste über jedes Thema alles,
was wichtig war, und dazu noch die Details.
Und er teilte großzügig sein Wissen mit allen, die sich am Gespräch beteiligten.
Es war – gerade auch für eine junge Wissenschaftlerin – ungemein wohltuend
und ermutigend, einen Vortrag vor einem Publikum zu halten, bei dem
Radoslav Katičić mit dabei war.
Sein Interesse, sein Mitdenken und sein Wohlwollen waren förmlich greifbar: in
der Art, wie er zuhörte, und in der Art, wie er sich in die Diskussion einbrachte
und danach noch einige persönliche Worte fand.
Nie vergesse ich die Freude, als ich Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre
zwei Rezensionen las, die Radoslav Katičić über meine Arbeiten in der Reihe
„Quellen und Beiträge zur Kroatischen Kulturgeschichte“ geschrieben hatte.
Er ging ausführlich auf alles ein und äußerte sich so offen, wohlwollend,
unterstützend und ermutigend!
Es war ein Geschenk für eine Wissenschaftlerin, die am Anfang stand und
manches kroatistische Thema so anfasste, dass es Widerspruch im Fach
erregte.
Besonders auch erinnere ich mich in den letzten Tagen an einen gemeinsamen
Spaziergang mit Radoslav Katičić in einer heißen Sommernacht auf den
steinigen Wegen von Skradin.
Es war eine der Nächte in dem wunderbaren Land Kroatien, in der die Sterne
wie Kirschen vom Himmel hängen, und es scheint, als müsse man nur die
Hände nach ihnen ausstrecken.
Unsere Gruppe ging schneller als wir und war nicht mehr zu hören. Radoslav
Katičić fiel schnelles Gehen schwer. Also gingen wir langsam.
Wir gelangten zu einer kleinen Steinkapelle und standen vor einem Tor, das in
den Angeln hing. Wir blieben stehen und schauten.
Ich weiß nicht mehr, ob es das Mondlicht war oder ein anderes Licht, das durch
die Äste der Bäume ein schwankendes Spiel aus Licht und Schatten auf den
Boden warf. Leise kurze Rufe ertönten von allen Seiten. Uhus riefen aus den
Bäumen um die Kapelle einander zu.
Wenn ich heute an Radoslav Katičić denke, dann an den seine Zeit prägenden
Wissenschaftler und Ausnahmegelehrten, der Wissen, Interesse und
Wohlwollen in sich vereinte und ein großes inspirierendes Werk hinterlässt.
Aber ich denke auch an den wundersamen Augenblick, als wir den Uhus in den
Bäumen um die steinerne Kapelle lauschten.
Prof. Dr. Elisabeth von Erdmann
Lehrstuhl für slavische Literaturwissenschaft
Universität Bamberg
(Ehrenvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kroatistik
Korrespondierendes Mitglied der HAZU)
Für Radoslav Katičić